Geburt

Die letzte Kontrolle von welcher ich berichtet habe, fand an einem Dienstag statt. Mein Gefühl, dass ich Fruchtwasser verlieren könnte, hält an. Auch habe ich enormen Durst. Am Mittwoch trage ich den ganzen Tag eine Binde, welche ich alle paar Stunden wechseln muss. Immer wieder spüre ich deine Tritte und bin dankbar, dass es dir gut geht. Auf einem Forum habe ich gelesen, dass das Fruchtwasser einen pH-Wert von etwa 7 hat. Das normale Sekret hat einen pH-Wert von 4. Darum bin ich in die nächst gelegene Apotheke marschiert und habe mir Stäbchen gekauft, mit welchen man den pH-Wert bestimmen kann. Zu Hause konnte ich kaum warten, bis ich das Stäbchen mit meinem Sekret benetzen konnte. Das Stäbchen zeigte den pH-Wert 4 an. Dann habe ich mich wohl doch getäuscht und mir nur gewünscht, dass ich Fruchtwasser verliere. Ich hätte dich doch soooo gerne schon in meinen Armen.

Dein Papa hatte heute seinen unaufschiebbaren Geschäftstermin. Aus diesem Grund ist es ja eigentlich gut, dass scheinbar alles in Ordnung ist.

Meine Zweifel lassen jedoch immer noch nicht ganz nach. Alle paar Stunden wiederhole ich den Test. Jedoch immer mit demselben Ergebnis.

In der Nacht kann ich tief und fest schlafen. Am nächsten Morgen, es ist Donnerstag, erwache ich um 5 Uhr. Meine dicken Baumwollunterhosen sind ganz nass, das Bett jedoch ist trocken. Irgend etwas ist doch einfach komisch... Schnell eile ich ins Badezimmer und drücke einen Teststreifen in meine Unterhose. Der pH- Wert liegt bei 5-6..... Nun informiere ich deinen Papa und sage ihm, dass ich im Gebärsaal anrufen und mich erkundigen werde, ob das normal sei. Er lässt sich kaum beeindrucken und nuschelt etwas im Halbschlaf.

Die Hebamme am Telefon ist sehr freundlich; ist sich aber auch nicht wirklich sicher. Sie sagt mir, ich soll es weiter beobachten und mich, falls es nicht weniger wird, erneut melden.

Da ich ja sowieso ins Spital zur Arbeit fahren muss, ist mir dies ziemlich egal.

Dort angekommen hole ich mir eine dicke, wattierte Wochenbettbinde. Diese ist nach 2 Stunden doch recht feucht... Um 10 Uhr rufe ich erneut den Gebärsaal an und vereinbare für um 11 Uhr einen Kontrolltermin.

Unterdessen arbeite ich weiter und richte für meine Kollegin noch 2 Infusionen ehe ich mich verabschiede und zur vereinbarten Kontrolle gehe.

Ich muss nur kurz warten und werde sodann auch schon aufgerufen. Die Hebamme schaut sich die nasse Binde an und riecht an ihr. Sie ist sich nicht sicher ob es wirklich Fruchtwasser ist. Ich komme mir etwas komisch vor. Was wenn doch alles in Ordnung ist? Ich weiss ja, dass ich etwas hypochondrisch veranlagt bin. Was denken dann die Ärzte von mir? Die Ärztin untersucht mich vaginal. Kaum hat sie das Spekulum eingeführt, spüre ich, wie es erneut fliesst. Sie meint nur: “Das ist eine klare Sache, die Blase ist tatsächlich gesprungen, da brauche ich nicht weiter zu untersuchen.“ Ich bin erleichtert, dass mich mein Gefühl nun doch nicht getäuscht hat. Gleichzeitig weiss ich, dass ich nun im Spital bleiben muss, da das Infektionsrisiko für das Kleine sonst zu gross wäre. Die Ärztin meint nur zu mir: “Ohne Kind gehen sie nicht mehr nach Hause!“ Schon bald haben wir dich kleiner Schatz!

Sofort werde ich in den Gebärsaal begleitet, wo mich eine mir bekannte Hebamme begrüsst. Ich bin froh, ein Gesicht zu sehen, welches ich kenne. Auch ein Arzt kommt um sich zu erkundigen seit wann ich denn das Gefühl hätte, dass ich Fruchtwasser verliere.

Da dies ja schon seit über 48 Stunden der Fall ist, entschliessen sich die Ärzte die Geburt sofort einzuleiten.

Nun rufe ich deinen Papa an und sage ihm, dass er ins Krankenhaus kommen soll. Er ist ganz aufgeregt und fährt schnell noch einmal nach Hause um die Wohnung zu putzen und noch ein paar Kleinigkeiten zu holen ehe er zu mir kommt. Um 14 Uhr ist er dann bei mir.

Um 14.20 Uhr wird die Geburt eingeleitet. Mir wird das CTG (Wehenschreiber) angehängt. Zudem wird erneut ein Ultraschall zur Bestimmung deiner Lage durchgeführt und ich erhalte eine Tablette, welche in die Scheide eingelegt wird. Nun muss ich mindestens eine Stunde liegen bleiben und kann deinen Herztönchen zuhören. Dein Kopf ist schon sehr weit unten in meinem Becken. So weit sogar, dass du ihn gar nicht mehr drehen kannst. Mein Bauch wird immer noch häufig hart. Dies zeigt das CTG sogar als leichte Wehen an. Schmerzen habe ich jedoch keine. Da der Blasensprung schon so lange her ist, wird mir gleichzeitig noch ein Antibiotikum über die Infusion verabreicht. Dein Papa liest während dessen ganz ruhig seine Zeitung.

Bereits beim verabreichen der Vaginaltablette hat mir die Hebamme gesagt, dass es selten bereits nach der 1. Tablette los gehe. Meistens benötigen die Frauen eine Zweite und bei manchen stellen sich auch nach 48 Stunden noch keine Wehen ein. Hoffentlich muss ich nicht so lange warten. Ich hätte mein Kleines doch so gerne noch heute!

Zum Glück habe ich ein spannendes Buch dabei, denn das Warten bis die Wehen einsetzten ist doch etwas mühsam. Die Hebamme bringt mir noch eine Kanne Tee, welcher die Wehen auslösen soll.

Unterdessen ist bei den Hebammen Schichtwechsel. Die Hebamme, welche zu mir kommt kenne ich ebenfalls. Sie hat vor ca. einem Jahr auf meiner Station ein Kurzpraktikum gemacht und schliesst in wenigen Wochen ihre Ausbildung zur Hebamme ab. Ich bin ganz glücklich, dass ich sie persönlich kenne und die Chemie zwischen uns stimmt. Sie meint: “Ich würde mich freuen mit dir zu gebären“, worauf ich antworte: „Ich bin dabei!“

18:00 Uhr: Die Wehen setzen allmählich ein. Während dein Papa mein Nachtessen verspeisst, gehe ich im Zimmer auf und ab und bin froh, dass es nun los geht. Die Wehen fühlen sich an wie starke Menstruationsschmerzen. Wenn das alles ist denke ich, kann das ja nicht so übel sein... Aber die Schmerzen werden doch immer stärker. Als die Hebamme um 19:30 Uhr nach mir sieht, meint sie: “Das sind jetzt richtige Wehen; dein Gesichtsausdruck hat sich verändert“. Ich frage mich in diesem Moment, was sie wohl in meinem Gesicht gesehen hat und „veratme“ dabei die nächste Wehe. Ich atme tief und fest und bin froh, dass ich mich am Tuch, welches von der Decke hängt fest halten kann. Diese Krämpfe sind nun doch einiges stärker als jene zu Beginn. Erneut wird ein CTG geschrieben. Leider können die Sensoren welche an meinem Bauch befestigt sind die Werte nicht richtig ablesen und ich muss für eine gewisse Zeit wieder auf das Gebärbett, damit alles richtig ausgewertet werden kann.

21:00 Uhr: Mein Muttermund ist nun 2 cm geöffnet. Zum Glück! Wenigstens nützen die Wehen etwas! Die Hebamme meint, dass ein Bad helfen könnte, um das Gewebe etwas weicher zu machen und den Geburtsvorgang etwas zu beschleunigen. So steige ich in die Gebärwanne. Das warme Wasser ist wunderbar. Vor allem weil ich zuvor richtig gefroren und geschlottert habe. Einen kurzen Moment kann ich mich so richtig entspannen. Dann jedoch geht es erst so richtig los. Die Wehen kommen im Minutentakt und ich bin irgendwie völlig weggetreten. Alles was ich wahrnehme ist die Stimme der Hebamme, welche bereits seit einer Stunde das Zimmer nicht mehr verlassen hat und die Hand von deinem Papa, welche ich bei jeder Wehe ganz fest halte und daran ziehe.

In den sehr kurzen Pausen schlafe ich teilweise sogar ein, da ich dermassen erschöpft bin. Während den Wehen glaube ich es nicht mehr zu schaffen. Kaum ist die Wehe jedoch vorbei, frage ich mich, was ich eigentlich für ein Problem habe und dass das doch gar nicht so schlimm ist.... Der Gedanke, Schmerzmittel zu verlangen, kommt mir immer wieder, aber ich habe gar keine Zeit dies in die Tat umzusetzen. Denn immer ist bereits wieder die nächste Wehe da und ich atme und stöhne bis sie wieder vorbei ist. Immer wieder rufe ich, dass ich eine Pause benötige oder dass ich nicht mehr will... Aber die Wehen nehmen keine Rücksicht und kommen Schlag auf Schlag.

22:00 Uhr: So langsam beginnt es während den Wehen nach unten zu drücken. Als die Hebamme dies bemerkt, muss ich schnell während einer Wehenpause aus der Wanne und auf das Gebärbett wechseln. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich dies geschafft habe. Erneut wird das CTG angehängt. Mein Muttermund ist nun 8 cm weit geöffnet. Nun setzen die Presswehen ein. Oh, ist das schön! Ich habe immer gedacht, dies sei der schlimmste Teil der Geburt und währenddessen seien die stärksten Schmerzen. Für mich aber ist es eine Erlösung. Endlich kann ich wirklich etwas tun und die Schmerzen erscheinen mir weniger stark. Plötzlich ist der ganz Raum voller Leute. Ich nehme jedoch kaum etwas war, da ich wie in Trance bin. Zwei Gynäkologen, drei Hebammen, eine Kinderärztin und natürlich dein Papa.

Mir wird eine Sauerstoffmaske auf das Gesicht gehalten bzw. ich presse sie mir selber auf die Nase. Deine Herztönchen sind etwas tief. Die Hebamme sagt zu mir: „Sarah, jetzt musst du alles geben, dem Baby geht es nun doch etwas zu schnell. In den nächsten 4-5 Wehen muss das Kleine da sein.“ Ausgerechnet jetzt habe ich zum ersten mal eine etwas längere Wehenpause und kann mich noch einmal sammeln für den Endspurt. Dein Papa sagt auf einmal: “Ich kann die Haare sehen!“ Aber ich glaubte dies in dem Moment deinem Papa nicht. Ich nehme all meine Kraft zusammen und presse. Eine Hebamme macht einen Dammschnitt, da es jetzt einfach eilt. Und „plubb“ ist dein Kopf da! Der Druck ist auf einmal weg. Ich greife mit meiner Hand nach unten um dein Kopf zu fühlen und schon kommt die nächste Wehe und dein Körper ist geboren. Um 22:41 Uhr, nach nur 4 1/2 Stunden, bist du da!

Sofort beginnst du zu schreien. Die Kinderärztin reibt dich trocken und dein Papa darf deine Nabelschnur durchschneiden, welche aussergewöhnlich dick ist. Dann legt dich die Kinderärztin auf meine Brust und du hörst augenblicklich auf zu schreien.

Du bist noch etwas blau und ganz voll mit Käseschmiere. Fasziniert schaue ich dich an, während mir eine Hebamme ein Mittel spritzt, damit die Plazenta schneller geboren wird. Meine Schmerzen sind von einem Moment auf den anderen vorbei und vergessen.

Nach kurzer Zeit kommt die Plazenta. Dies ist etwas unangenehm; jedoch nicht mehr schmerzhaft.

Dann öffnest du deine Augen und wir schauen uns zum ersten mal an. Deine kleinen Händchen hast du gefaltet als würdest du beten. Hallo kleine Julienne! Endlich habe ich dich in meinen Armen. Schön dass es dich gibt!

Obwohl es wunderschön ist, stellt sich das Mutterglück nicht gerade augenblicklich ein. Ich brauche zuerst ein wenig Zeit, um alles zu realisieren.

Die Gynäkologin näht meinen Dammschnitt. Davor habe ich grosse Angst. Die Hebamme lacht und meint nur : “Sarah, du hast eine Geburt hinter dir! Dies ist nun wirklich nichts mehr dagegen.“ Und tatsächlich spüre ich dies kaum. Währenddessen halte ich dich fest in meinem Arm und spreche die ganze Zeit mit dir. Ganz aufmerksam schaust du mich dabei an. Sobald die Ärztin fertig genäht hat, lege ich dich an meine Brust an, wo du sofort zu saugen beginnst, als ob du noch nie etwas anderes getan hättest. Bereits eine Stunde nach der Geburt stehe ich unter der Dusche und bin dankbar, dass ich mich waschen kann und mir nichts weh tut. Währenddessen wird deine Länge gemessen. Du bist 3075 g schwer und 46 cm gross. Ein richtig niedliches, kleines Baby. Genau so wie ich es mir immer gewünscht habe.

Dein Papa ist ganz stolz. Keine Minute weicht er von deiner Seite!

Angezogen und in warme Tücher verpackt bringt dich dein Papa zu mir. Unterdessen habe ich ein normales, bequemes Bett bekommen. Dann werden wir alleine gelassen und können dich so richtig geniessen.. Wir sind unendlich dankbar und überwältigt über dieses riesige Wunder!

Um 2:00 Uhr geht dein Papa nach Hause um zu schlafen. Ich halte dich die ganze Nacht in meinem Arm und kann gar nicht glauben, dass du wirklich meine kleine Tochter bist! Ich bin soooo stolz auf dich!

Kommentare

Mitglied seit:06. Mär. 2007
Punkte: 112

Hey Sarah!!!!!

Herzliche Gratulation und alles gute für deine kleine Familie!!

Ich freue mich mit dir!!!! :)

___

grüässli nat

Mitglied seit:16. Dez. 2008
Punkte: 15

Hallo Sarah

Auch ich möcht dir von herzen Gratulieren.

Alles Gute...

Grüsse Vivienne

Mitglied seit:03. Mär. 2009
Punkte: 31

Hallo Sarah

Herzlichen Glückwunsch im Nachhinein. Deine ausführliche Beschreibung hat mir Tränen in die Augen gebracht. Zu schön. Alles Liebe und Gute für Euch.

Gruss

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